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MY FACTORY 09/2022

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MY FACTORY 09/2022

BETRIEBSTECHNIK STEP BY

BETRIEBSTECHNIK STEP BY STEP ZUR KLIMANEUTRALITÄT PRODUCT CARBON FOOTPRINTS SELBST ERSTELLEN Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Das ist keine fixe Idee oder ein Trend, sondern ganz objektiv notwendig, um Frieden, Wohlstand und Gesundheit auf unserer Welt zu erhalten. Der „Klimaschutztrend“ wird also nicht einfach wieder verschwinden wie eine Mode, sondern sich immer mehr im alltäglichen Handeln widerspiegeln. Viele Unternehmen sind schon auf gutem Weg – aber es gibt noch viel zu tun. Mit Industry2.Zero geht im September eine Initiative an den Start, die den Mittelstand bei seinen Bestrebungen unterstützen will. Bei Product Carbon Footprints ist das Thema Klimaneutralität der Industrie schon tief in der Praxis angekommen: Wer als Zulieferer arbeitet oder an Endkunden verkauft, kommt kaum noch darum herum. Product Carbon Footprints sind Klima-Fußabdrücke einzelner Produkte. Sie sagen also nicht, wie klimafreundlich ein Unternehmen als Ganzes arbeitet, sondern beurteilen das Produkt selbst. Für Unternehmen oder Endkunden, die klimafreundlich einkaufen wollen, ist das also eine sehr relevante Information für die Kaufentscheidung. AUCH UND GERADE MITTELSTÄNDLER SIND GEFORDERT Viele große Unternehmen haben sich bereits Ziele für die Klimaneutralität gesetzt und achten daher bei ihrem Einkauf verstärkt auf Klimafreundlichkeit. Hier kommen die Mittelständler ins Spiel, denn oft arbeiten sie als Zulieferer von Großunternehmen. Viele Mittelständler bieten aber auch direkt Produkte für den Endkundenmarkt an. Je nach Produktbereich ist die Sensibilisierung der Bürgerinnen und Bürger für klimaneutrale und umweltfreundliche Produkte hier bereits sehr hoch, wie zum Beispiel in den Bereichen Textilien, Lebensmittel oder bei in Drogerien angebotenen Produkten. Wie man mit Engagement und Kreativität auch mit verhältnismäßig einfachen Mitteln zu einem aussagekräftigen Product Carbon Footprint kommen kann, zeigt das Beispiel des mittelständischen Reinigungsmittel-Herstellers Dr. Schnell. 28 MY FACTORY 2022/09 www.myfactory-magazin.de

BETRIEBSTECHNIK EIN REINIGUNGSMITTELHERSTELLER MACHT’S VOR Um Reinigungs- und Pflegemittel nachhaltig zu machen, muss man einerseits fossile Rohstoffe wie beispielsweise fossil basierte Tenside und Lösemittel durch nachwachsende Rohstoffe ersetzen. Andererseits müssen auch die Verpackungen umgestellt werden – und all das bei gleichbleibender Qualität. Außerdem soll für Kunden und Unternehmen ein nachvollziehbarer positiver Klimaeffekt sichergestellt sein. Lange Transportwege für nachhaltige Ausgangsstoffe können so manchen positiven Effekt wieder zunichtemachen. Das gleiche kann geschehen, wenn die nachhaltige Variante deutlich weniger wirksam ist und deshalb größere Mengen eingesetzt werden müssen. Dr. Schnell hat Product Carbon Footprints für seine gesamte Produktpalette erstellt. So sind insbesondere auch Vergleiche zwischen den Produkten möglich. „Dafür haben wir CO 2 -Bilanzen von ca. 500 Rohstoffen erstellt – allen derzeit bei uns verwendeten und allen nachhaltigen, die als Ersatz in Frage kommen“, erklärt Robert Kreische, Projektverantwortlicher für die Product Carbon Footprints und stellvertretender Laborleiter bei Dr. Schnell. „Für die Ausgangsstoffe der Gebinde und Etiketten kamen noch einmal 2 000 weitere CO 2 -Bilanzen hinzu.“ Gerne hätte Robert Kreische dafür die realen Daten der Hersteller verwendet. Die liegen aber selten öffentlich vor. Hilfsweise hat INDUSTRY2.ZERO STELLT EINEN RIESIGEN POOL AN PRAXIS- WISSEN ZUR VERFÜGUNG er deshalb mit zwei etablierten Datenbanken gearbeitet: „Ecoinvent“ für die komplexeren chemischen Prozesse, „GEMIS“ für die anderen. Für einzelne Rohstoffe mussten noch zusätzliche Studien zu Rate gezogen werden. Bei der Berechnung wurde der komplette Lebenszyklus (Herstellung, Transport und Abbau) berücksichtigt. Die Berechnung und Dokumentation erfolgten dabei nachvollziehbar nach der ISO 14067. Die Daten hat Kreische in eine Access-Datenbank eingepflegt. Das ließ sich gut in Eigenregie bewerkstelligen, bietet aber auch alle gewünschten Funktionen. Insgesamt haben die Berechnung der Product Carbon Footprints und die Erstellung der Access-Datenbank etwa ein Jahr gedauert. Danach wurde das neue Tool mit der bestehenden Unternehmenssoftware verknüpft – sowohl mit der Rezepturverwaltungssoftware der F&E-Abteilung als auch mit der ERP-Software (Enterprise Ressource Planning). So kann die CO 2 -Bilanz jedes Artikels automatisiert erstellt werden und alternative Rohstoffe lassen sich mit einem Mausklick auf ihre tatsächliche Auswirkung auf die Umwelt untersuchen. Die Erstellung korrekter und nach ISO 14067 zertifizierter CO 2 - Bilanzen ist also auch ohne konkrete CO 2 -Werte von Vorlieferanten möglich – auch wenn konkrete und kontinuierlich aktualisierte Werte natürlich noch besser wären. SMARTE METHODIK GESCHAFFEN Florian Himmelstein vom beteiligten Zertifizierer GUTcert lobt ganz ausdrücklich die Arbeit von Dr. Schnell: „Mit der Entwicklung des internen datenbasierten Treibhausgasbilanzierungstools hat das Unternehmen für sich eine umfassende und smarte Methodik geschaffen.“ Die Komplexität stecke bei der Erstellung von Product Carbon Footprints wie immer im Detail: Um belastbare Zahlen ermitteln und kommunizieren zu können, müsse einerseits eng mit den eigenen Zulieferern zusammengearbeitet werden, um Daten für die bezogenen Waren zu erhalten, die auf dem Lebenszyklus des betrachteten Produktes vor dem eigenen Werktor liegen. Zusätzlich gestalte sich die interne Bilanzierung schnell herausfordernd, da Energieströme aus den unterschiedlichen betriebsinternen Prozessen einzelnen Produkten zugeordnet werden müssen. Komme dann noch eine breite Produktpalette mit multiplen Mixturen der bezogenen Rohstoffe zustande, wie es bei Dr. Schnell der Fall war, könne sich die Komplexität der Bilanzierung rapide steigern. GEMEINSAM GEHT’S LEICHTER Gute Lösungen auch für Mittelständler sind also heute schon möglich. Wichtig ist, dass man darüber redet und den Mitstreitern in anderen Unternehmen über die Schulter schauen kann. Die hier gezeigte Lösung von Dr. Schnell wird zum Beispiel im neuen Praxisforum „Industry2. Zero“ der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF) vorgestellt. Das Praxisforum versammelt echte Klimaschutzmacher und solche, die es werden wollen und stellt ihnen einen riesigen Pool an Praxiswissen zur Verfügung: einerseits die Erfahrungen der beteiligten Unternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität (also den Anwendern), andererseits neutral das Wissen der Praxis-Profis aus der Klimaschutzbranche, die jeden Tag Unternehmen ein Stück grüner machen. Gemeinsam fällt es leichter, von der Politik einzufordern, was noch fehlt. Und gemeinsam ist es auch einfacher, an Vorlieferanten heranzutreten, um geeignete Real-Daten für Product Carbon Footprints zu bekommen, wie es im Beispiel von Dr. Schnell hilfreich wäre. Bilder: stock.adobe.com – malp, stock.adobe.com – J-A-Photography www.deneff.org AUTORIN Dr. Tatjana Ruhl, Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF) e. V., Berlin INDUSTRY2.ZERO GEHT IM SEPTEMBER AN DEN START Industry2.Zero startet offiziell am 21. September 2022. Interessierte Unternehmen – ob Mittelstand oder Großunternehmen – können sich gerne unter tatjana.ruhl@deneff.org bei Dr. Tatjana Ruhl von der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz melden. www.myfactory-magazin.de MY FACTORY 2022/09 29

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